Auf dem Weg der Mönche
Chiang Mai und die Berge
Mein AirBnB lag in einer Nebenstraße der Nimmanahaeminda Road, einer Mischung aus Universitätsviertel und Highclass-Touristenmeile für Chinesen, etwas außerhalb der Altstadt von Chiang Mai. Abgesehen davon, dass ich hier alles fand, was ich für meinen Alltag brauchte – Coworking-Spaces mit Aussicht, fancy Coffee-Shops und günstige Food-Markets – war die Lage aber auch perfekt, um von dort aus in die Berge zu kommen.
Der Berg Doi Suthep und das restliche Gebirge, zu dem er gehört, liegt westlich der Stadt. Jeden Morgen, wenn ich mein Apartment verließ, sah ich es vor mir, mit dichtem Dschungel bewachsen, scheinbar sanft ansteigend und von glänzenden Tempeln gekrönt. Nach etwas Suche auf Google stieß ich auf den Pilgrim’s Trail, einen etwa 3 km langen Pfad, der durch den Dschungel hinauf zum Tempel führt. In der Nähe des Eingangs des Pfades liegt Basecamp, ein Café, das als lokale Anlaufstelle für die Trailrunning-Szene Chiang Mais fungiert. Basecamp lag nur etwa 2 km von meinem Apartment entfernt, ein kurzer Run durch das Universitätsgelände und vorbei am Sportstadium, das übrigens auch abends einen Besuch wert ist, wenn sich hier von der Großmutter bis zum Profisportler alle treffen, die gerne laufen. Von Basecamp aus geht es noch etwa einen Kilometer weiter über kleine idyllische Straßen bis zum Anfang des eigentlichen Trails. Hier allerdings beginnt schon auf der Straße der Kampf mit dem Berg und das Tempo wird deutlich langsamer und die Atmung schwerer.
Hier war er also, der Pilgrim’s Trail. Beim ersten Mal hatte ich natürlich keine Ahnung, was mich erwarten würde, aber schon die ersten Meter sahen vielversprechend aus.
Auf dem Pfad der Mönche
Ich gewinne schnell an Höhe, aber die Steigung ist noch gut zu verkraften. Mein Tempo geht natürlich etwas runter, aber man kann meine Bewegung zumindest immer noch mehr als Run anstatt als Hike bezeichnen. Der untere Teil des Trails ist nicht besonders technisch und lässt sich gerade deshalb gut genießen, weil ich meine Aufmerksamkeit nicht voll auf den nächsten Schritt konzentrieren muss, sondern auch noch ab und an die Möglichkeit habe, ein bisschen was von der Umgebung mitzubekommen. In den ersten Minuten erhasche ich immer wieder durch die Bäume Blicke auf die Stadt, die nun schon ein Stück unter mir liegt.
Der Wald wird bald immer dichter und ich bin dankbar für den Schatten, den er spendet. Vor mir tut sich ein wunderschöner Waldweg mit einem sanften Anstieg auf. Am Rande des Weges gibt es immer wieder ein paar Schilder mit Hinweisen zur Umgebung. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nur einen flüchtigen Blick darauf werfe – den Weg entlang zu rennen macht einfach zu viel Spaß, als das ich stehenbleiben wollte.
Ich höre neben dem Pfad immer wieder den Bach, der in kleinen Wasserfällen seinen Weg nach unten sucht. Gerade als ich mich das erste Mal frage, ob ich mein Tempo lieber etwas drosseln sollte, komme ich an eine klapprige und glitschige Holzbrücke und danach sehe ich den Bach, der hier dann doch eher ein Fluß ist, wie er zwischen und über großen Felsen über die Lichtung fließt. Auf einigen Felsen sitzen Menschen, die Füße im Fluß kühlend, teilweise ins Gespräch vertieft, teilweise einfach nur den Kopf zurückgelehnt und die Nase in die Sonne gestreckt. Ich bin angekommen an dem ersten, kleineren Tempel, der mitten im Dschungel etwa auf der Hälfte des Weges liegt, Wat Pha Lat. Hier muß ich dann doch auch mal eine Pause machen, um die Szenerie aufsaugen zu können.
Nachdem ich mich im Tempel ein wenig umgesehen habe, bin ich genug erholt, hoffe ich, um mit der zweiten Hälfte des Pfades weiterzumachen, denn ab hier wird’s steil. Flußaufwärts wird der Pfad schnell fast senkrecht und das Tempo sinkt entsprechend. Nach nur ein paar Minuten erreiche ich die Straße, die sich in unzähligen Serpentinen bis zum Gipfel schlängelt und die ich an dieser Stelle einmal queren muss. Jetzt kommt erst der wirklich anstrengende Teil.
Die zweite Hälfte
Es sind fast schon Treppenstufen, die hier scheinbar über die Jahre in den braunen Boden getreten wurden. Ich habe keine große Wahl mehr, wo ich meine Schritte platziere, ich stütze mich mit den Händen auf den Oberschenkeln auf, um überhaupt noch so etwas wie ein Tempo aufrecht erhalten zu können. Hier ist alles voller Ameisen, aber solange ich in Bewegung bleibe, sind sie kein Problem, doch wenn ich auch nur eine Sekunde stehen bleibe, klettern sie an mir herauf. Ein guter Grund, die Pausen kurz zu halten.
Um ehrlich zu sein, ab hier wird mein Run eher sowas wie ein etwas schnellerer Hike – wandern mit einer Herzfrequenz von knapp unter 180 Schlägen pro Minute. Aber dann, nach circa 250 weiteren Höhenmetern und gerade, als ich mich fast mit meinem Leid angefreundet habe, sehe ich die Straße. Und das war’s. Ab hier ist es nur noch ein kurzer Jogg, bis schon die Essenstände vor dem Tempeleingang auftauchen. Vorbei an einer Unmenge parkender Autos, chinesischen Reisegruppen und den allgegenwärtigen roten Taxis, bis zu meinem Lieblings-Smoothie-Stand.
Ich starte morgens eigentlich immer auf leeren Magen und hier ist ein super Moment, um eine kleine Frühstückspause einzulegen: ein Organgen-Kiwi-Smoothie, „little sugar, little ice“, und jedes Mal, wenn die nette junge Dame hinter dem Mixer fertig ist, kommt sie strahlend mit mehr Smoothie für mich daher – diesmal sind es schon fast zwei volle Becher.
Mehr als ein Weg nach unten
Ich habe über die Wochen drei Möglichkeiten für den Rückweg ausprobiert. Der erste ist einfach derselbe Weg wieder zurück. Ich war wirklich erstaunt, wie schnell man auf einmal wieder unten war. Die obere, steilere Hälfte ist zwar etwas technisch, aber ab dem Tempel auf der Hälfte kann man richtig Gas geben und die Beine laufen lassen.
Wenn es einem mit dem Weg herauf aber reicht, kann man oben auch einfach in eines der vielen wartenden roten Taxis steigen und sich für weniger als 2 Euro wieder in die Stadt fahren lassen. Allerdings würde ich meinen Sitznachbarn vorsichtig wählen, denn der ein oder andere wird auf den Serpentinen ganz schön grün um die Nase.
Meine Lieblingsvariante ist aber, aus dem ganzen einen Rundweg zu machen. Vom Tempel Wat Phra That Doi Suthep aus die Straße entlang und einfach mal ein paar Kilometer fressen – hat auch was. Nach einer Weile kommt man zu einem Viewpoint, wo man wieder in den Dschungel stechen kann. Der Weg hier hat noch mal ein anderes Feeling als der Aufstieg – lichter, mehr Laub und ich sah keine Menschenseele die beiden Male, als ich hier war. Unten angekommen, geht es dann wieder zurück zum Basecamp, wo ich im ruhigen Garten nach etwa 13 Kilometern endlich meinen wohlverdienten Morgen-Cappuccino genießen konnte, bevor ich die letzten Kilometer wieder durch die Uni nach Hause gejoggt bin.
Eines Tages
Ich kann nicht genau sagen warum, aber der Pilgrim’s Trail hat in mir etwas ausgelöst. Vielleicht, weil es die erste Route war, auf der ich wirklich ausprobieren konnte, was es heißt, auf Trails zu laufen. Vielleicht auch wegen der beiden Tempel, die für mich immer eine Art von asiatischer Exotik verbreiten. Vielleicht auch wegen der Varianten, die da oben im Dschungel noch darauf warten, in Zukunft entdeckt zu werden. Oder vielleicht einfach nur, weil meine Bestzeit noch viel zu weit vom CR entfernt war. ? Ich kann es nicht genau sagen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht das letzte Mal war!
Ausrüstung
Aufgrund der Temperatur braucht es für den Trail keine besondere Kleidung. Ich würde aber feste Schuhe empfehlen, zumindest solide Sneaker, besser aber etwas mit Profil. Wanderstöcke könnten auch ganz hilfreich sein, sind aber sicherlich kein Muss.
Was man aber nicht vergessen darf ist ausreichend Wasser, denn die meiste Zeit des Jahres wird es hier ganz schön heiß.
